Glücksforschung: 6 Faktoren prägen unsere langfristige Zufriedenheit

70.000 leuchtende Lichter im Berliner Olympiastadion, die Zusage für den Traumjob, der ersehnte Heiratsantrag: In solchen Momenten fühlen wir uns unendlich glücklich. Doch dann sind diese Momente plötzlich vorbei. Und mit ihnen das Hochgefühl. Puff, einfach weg. Doch Neurobiologe Professor Doktor Martin Korte macht Hoffnung: Es gibt zwei grundverschiedene Kategorien von Glück, und eine davon kann tatsächlich längerfristig währen.

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Glückliche Frau© iStock/Ridofranz
Die moderne Glücksforschung zeigt: Langfristige Zufriedenheit entsteht im Stirnlappen unseres Gehirns und wird von sechs zentralen Lebensfaktoren geprägt.

Bei kurzfristigem Glück ist in unserem Gehirn vorwiegend das Belohnungszentrum aktiv, vor allem der Nucleus accumbens. Er befindet sich unterhalb der Großhirnrinde und setzt immer dann, wenn uns etwas Erfreuliches widerfährt, die Ausschüttung von Dopamin, körpereigenen Opiaten und Endorphinen in Gang. Diese Stoffe bescheren uns einen angenehmen Glücksrausch. Sobald der auslösende Moment jedoch vorbei ist, stellt der Nucleus accumbens die Ausschüttung der Glückshormone wieder ein. Der Rausch hat ein Ende.

Zufriedenheit entsteht im Stirnlappen

Im Gegensatz zu einer kurzfristigen Emotion wie der Freude ist Zufriedenheit ein Grundgefühl. Sie ist in einer anderen Hirnregion lokalisiert, und zwar dem Stirnlappen. Der Stirnlappen ist der Sitz unseres Bewusstseins und unserer Persönlichkeit. Unter anderem verdanken wir ihm unsere Willenskraft, unser Sprachvermögen und unsere Fähigkeit, Zukünftiges zu planen. Mehr dazu, wie Glück im Kopf entsteht, erfahren Sie in unserem Psychologie-Ratgeber.

Ein Grundgefühl der Zufriedenheit stellt sich in unserem Stirnlappen laut Martin Korte üblicherweise ein, wenn in unserem Leben sechs bestimmte Kriterien erfüllt sind. Diese Faktoren unterscheiden sich fundamental von den schnellen Glücksmomenten.

1.Vergleich mit anderen Menschen

Unser Stirnlappen bezieht das Grundgefühl der Zufriedenheit maßgeblich aus dem Vergleich mit anderen Menschen. Ist mein Balkon genauso groß wie der meines Nachbarn? Verdiene ich ähnlich viel Geld wie meine Freundin? Ist mein Arbeitspensum vergleichbar mit dem meiner Kolleginnen und Kollegen? Stimmen die Rahmenbedingungen unseres Lebens in etwa mit denen von anderen Personen überein, die wir auf unserem Radar haben, ist das eine gute Voraussetzung dafür, dass wir uns zufrieden fühlen.

Stellen wir bei diesem Vergleich Diskrepanzen fest, kann es unser Zufriedenheitsgefühl erhalten, wenn wir darin eine gewisse Fairness erkennen können. Wenn unser Balkon beispielsweise zwar kleiner ist als der unseres Nachbarn, wir dafür aber stets die Sonne auf unserer Seite haben. Oder wenn unsere Freundin mehr verdient als wir, ihr Job allerdings stressiger oder wichtiger ist als unserer oder sie eine längere Ausbildung dafür machen musste.

2. Langfristige Ziele geben Orientierung

Ausbildung abschließen, Probezeit überstehen, Arbeitszeit reduzieren oder ein Sabbatical machen, zusammenziehen, ein Kind bekommen, Arabisch lernen, Verantwortung abgeben und unabhängiger werden: Je nach Lebensentwurf und Persönlichkeit könnten das langfristige Ziele sein, die uns Orientierung geben und auf unsere Zufriedenheit einzahlen. Der Wunsch, langfristige Ziele zu verfolgen, zeichnet uns als Spezies Mensch aus und unterscheidet uns von anderen Tieren. Dieser Wunsch ist, ebenso wie die Ziele selbst, in unserem Stirnlappen kodiert.

Allerdings kann er manchmal mit unseren kurzfristigen Zielen beziehungsweise unserem Bedürfnis nach kurzfristigem Glück kollidieren. Wir haben unterschiedliche Systeme in unserem Gehirn, die miteinander konkurrieren. Das eine will planen und vorsorgen, das andere will sofort etwas haben. Gelegentlich können wir aufgrund dieser zwei widerstreitenden Systeme in einen Konflikt geraten. Dennoch hat sich diese eigentümliche Kombination in der Evolution durchgesetzt, weil sie für unser Überleben am vorteilhaftesten ist.

3. Die Kraft der Erinnerungen

Unser Gedächtnis spielt laut Martin Korte eine wichtige Rolle für unsere Zufriedenheit, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits kann es uns in schwierigeren Zeiten, etwa im dunklen Winter, Kraft und Zufriedenheit schenken, an schöne Momente zurückzudenken. Andererseits können wir aus dem Vergleich unserer aktuellen Situation mit einer früheren Lebensphase Zufriedenheit beziehen, wenn wir erkennen, dass wir uns weiterentwickelt haben.

Ob es unsere finanzielle Situation betrifft, unsere Prioritäten, unser Selbstvertrauen, gewisse Fertigkeiten oder unsere Gesundheit: Sehen wir beim Blick zurück einen Fortschritt in unserem Leben, schaltet unser Stirnlappen in den Status zufrieden. Diese Form des positiven Vergleichs mit der eigenen Vergangenheit ist ein mächtiger Zufriedenheitsfaktor.

4. Autonomie als Schlüsselfaktor

Ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit und Autonomie ist für ein zufriedenes Leben unabdingbar. Sich ausgeliefert zu fühlen und keine eigenen Entscheidungen treffen zu können, ist mit langfristiger Zufriedenheit unvereinbar. Deshalb spricht tatsächlich einiges für die Gesellschaftsform der Demokratie oder dafür, dass Arbeitgebende ihren Angestellten bestimmte Freiheiten einräumen.

Haben wir das Gefühl, unsere Lebenssituation selbst gestalten und gegebenenfalls verändern zu können, können wir daraus Zufriedenheit und Energie beziehen. Das gilt auch dann, wenn gerade vielleicht nicht alle Umstände unseren Wunschvorstellungen entsprechen. Allein das Wissen, dass wir handlungsfähig sind, wirkt sich positiv auf unser Grundgefühl aus.

5. Beziehungen als Fundament

Als Menschen sind wir vornehmlich kooperierende Wesen. Deshalb ist es für unsere Zufriedenheit essenziell, dass wir mit anderen Menschen zusammen sind oder etwas zusammen machen. Im beruflichen Kontext fühlen wir uns am zufriedensten, wenn wir in einem harmonischen Team arbeiten. In unserem Privatleben ist es unser Freundeskreis oder sind es unsere partnerschaftlichen oder familiären Beziehungen, die uns Zufriedenheit schenken.

Aus unseren Beziehungen beziehen wir das Gefühl, gebraucht zu werden und einen Sinn zu erfüllen. Und das ist für unseren stets nach Erklärungen suchenden Stirnlappen sehr wichtig. Weitere praktische Ansätze für mehr Zufriedenheit finden Sie in unseren erprobten Empfehlungen.

6. Individualität als Variable

Bei all unseren Gemeinsamkeiten: Wir sind auch sehr unterschiedlich. Und je freier und ausgereifter unsere Gemeinschaft, umso vielfältiger können wir unsere Individualität ausleben. So liest eine Person gerne historische Romane, eine andere liebt Fantasy und Science-Fiction. Der eine Mensch träumt schon als Kind von einer Familie, ein anderer von einem unabhängigen, freien Single-Leben. Manche Leute streben nach Karriere und beruflichem Erfolg, andere nach einem Lebensmodell, in dem der Job möglichst wenig Zeit und Energie in Anspruch nimmt.

Die sechs Faktoren bieten also einen Rahmen, innerhalb dessen jeder Mensch seine eigene Version von Zufriedenheit finden kann. Was für die eine Person erfüllend ist, kann für eine andere völlig uninteressant sein. Wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und ihnen Raum zu geben.

Fazit

Die Hirnforschung zeigt: Langfristige Zufriedenheit ist keine Utopie, sondern basiert auf sechs konkreten Faktoren, die sich in unserem Stirnlappen verankern. Im Gegensatz zum flüchtigen Glücksrausch des Belohnungszentrums kann echte Zufriedenheit von Dauer sein. Sie speist sich aus dem Vergleich mit anderen, einem Gefühl von Fairness, langfristigen Zielen, positiven Erinnerungen, Autonomie und tragfähigen Beziehungen. Wer diese Faktoren in seinem Leben kultiviert, schafft die Grundlage für ein dauerhaft erfülltes Leben.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit?

Kurzfristiges Glück entsteht im Belohnungszentrum durch Dopamin-Ausschüttung und ist flüchtig. Zufriedenheit ist ein Grundgefühl im Stirnlappen, das auf sechs stabilen Faktoren basiert und länger anhält.

Welche Hirnregion ist für Zufriedenheit zuständig?

Der Stirnlappen ist die entscheidende Hirnregion für langfristige Zufriedenheit. Er ist der Sitz unseres Bewusstseins und unserer Persönlichkeit und verarbeitet die sechs Zufriedenheitsfaktoren.

Warum ist der Vergleich mit anderen wichtig für Zufriedenheit?

Unser Gehirn bezieht Zufriedenheit maßgeblich aus dem sozialen Vergleich. Wenn unsere Lebenssituation fair und ähnlich gut wie die anderer ist, aktiviert das positive Signale im Stirnlappen.

Können langfristige Ziele mit kurzfristigem Glück kollidieren?

Ja, in unserem Gehirn konkurrieren verschiedene Systeme. Das eine will sofort belohnt werden, das andere langfristig planen. Diese Spannung ist evolutionär bedingt und normal.

Welche Rolle spielen Beziehungen für die Zufriedenheit?

Beziehungen sind fundamental für Zufriedenheit. Als kooperierende Wesen brauchen wir das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein und gebraucht zu werden. Das erfüllt einen Sinn, den unser Stirnlappen sucht.