"Iss dich glücklich!" – Neues Food-Konzept gegen Depressionen und Ängste

Frisch erforscht: Lebensfreude entsteht in unserer Mitte und flutet das Gehirn per Bauch-Hirn-Achse. Machtvoller rollt diese Glücks-Welle durch eine gute Portion an Gemüse, Ballaststoffen und Omega-3-Fettsäuren. Dr. Riedl hat noch mehr gute Nachrichten.

Frau schneidet Obst für einen Smoothie© iStock/Povozniuk
Vorbeugen klappt: Psychogenes Food kann Depressionen und Ängsten sogar vorbeugen.

Es ist eines seiner tiefsten Herzens-Themen. Eines, das ihn berührt, bewegt, umtreibt. Aus seiner jahrzehntelangen Praxis als Ernährungsmediziner und Diabetologe heraus ist Dr. Matthias Riedl der festen Überzeugung: Die Deutschen essen sich regelrecht unglücklich, traurig und ängstlich. Man kann fast schon sagen, leistungsschwach. So sehr, dass erschreckenderweise bereits jeder dritte Bundesbürger psychisch krank ist. 

Angesichts dieser alarmierenden Zahl müsste eigentlich ein Aufschrei durch die Gesellschaft gehen. Denn die psychische Gesundheit ist das A und O fürs Wohlbefinden – und für unser Glück. Doch dieser Aufschrei ist bislang ausgeblieben. Über Depressionen wird schlichtweg kaum geredet, über Angststörungen ebenso wenig. Es sind immer noch Tabu-Krankheiten. Und das im angeblich so aufgeklärten 21. Jahrhundert. 

Das große Interview mit Dr. Matthias Riedl

Das große Schweigen möchte der Ärztliche Direktor des medicum Hamburg unbedingt durchbrechen. Mit vielen neuen, Aufsehen erregenden neurowissenschaftlichen News. Im Interview berichtet er von den Mutmacher-Botschaften.

Es klingt ja fast abenteuerlich, dass wir unsere gute Laune, unser Glücksgefühl essen können ...

Dr. Matthias Riedl: Ja, es klingt unglaublich! Aber tatsächlich lässt sich allein schon mit mehr Gemüse, Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren eine Depression um bis zu 50 Prozent verbessern. Gesunde Nahrung kann aber nicht nur aus Stimmungstiefs helfen, sondern auch bei Angststörungen, sogar bei ADHS und Schizophrenie unterstützend wirksam sein. Es gibt immer mehr Studien aus dem Bereich „Nutritional Psychiatry", die das zeigen. 

Besonders effektiv scheint hier primär die Mediterrane Diät zu sein. In ihrer modernen Version mit eher viel rotem Fleisch, Pommes, Weißbrot ist sie wirklich nicht gesundheitsförderlich. Die mediterrane Küche beschreibt jedoch eine traditionelle Ernährungsweise, wie sie in den 1970er-Jahren noch vielfach praktiziert wurde. Sie beruht übrigens auch auf damaligen Beobachtungsstudien. Mediterrane Küche aber im Sinne der modernen Ernährungsmedizin besteht vor allem aus: Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, frischen Kräutern, Getreide, Nüssen, Fisch und mageren Milchprodukten sowie reichlich unraffiniertem Olivenöl. Es geht nicht darum, täglich nur ein einzelnes Superfood wie Lachs oder Blaubeeren zu essen. Vielmehr geht es um eine Reihe von Nährstoffen, die in ausreichenden Mengen in die Biochemie des Gehirns eingreifen. Und es gibt viele gesunde Ernährungsmuster, das muss übrigens nicht unbedingt die mediterrane Küche sein. Auch die asiatische, besonders die japanische, die nordische und die Atlantik-Küche haben hier einiges Psychoaktives zu bieten.

Wie kann aber z.B. Fisch die Stimmung aufhellen?

Dr. Matthias Riedl: Das ist leicht erklärt. In Fisch steckt einerseits Eiweiß, andererseits finden sich in ihm auch viele Mikronährstoffe, etwa Vitamin D, B-Vitamine, Eisen, Jod und Selen. Zudem sind Omega-3-Fettsäuren in fettreichem Seefisch enthalten. Für die psychische Gesundheit empfehle ich 2000 Milligramm tierische Omega-3-Fettsäuren pro Tag. Das steckt etwa in 120 Gramm Lachs. Wer keinen Fisch essen mag, kann auch ersatzweise eine Zeit Krill- oder Algenöl-Kapseln nehmen. Omega-3-Fettsäuren sind deshalb so wichtig, weil sie die Gehirnzellen funktionstüchtig halten und anti-entzündlich wirken.

Entzündungen und psychische Krankheiten – wie gehört das denn zusammen?

Dr. Matthias Riedl: Wir wissen heute, dass psychische Leiden teils durch systemische Entzündungsherde, die im Gehirn eine Neuroinflammation, also die Entzündung von Nervengewebe, bewirken, entstehen oder aufrechterhalten werden. Auch bei Übergewicht und Diabetes spielen Entzündungsprozesse eine Rolle. Darum treten diese Krankheiten oft gern gleichzeitig mit Depressionen auf. Gemüse und Obst – auch sie sind ja tragende Bestandteile der Mittelmeerkost – stecken voller Substanzen wie Ballaststoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe. Sie wirken antioxidativ, schützen also Zellen und hemmen Entzündungen. Auch mit Kräutern und Gewürzen kann man gegen Entzündungen vorgehen.

Dr. Riedl hat das Buch "Iss deine Psyche gesund" veröffentlicht© PR
Burn-out, Depressionen, Ängste im Darm behandeln. Was ihn krank macht, entpuppt sich durch jahrzehntelange Neuro-Gastro-Enterologie als Realität. Denn das richtige Food ist der Schlüssel zur Seelen-Gesundheit. Dr. Matthias Riedl präsentiert die essenziellen Bausteine einer psycherfreundlichen Ernährung. Statt Antidepressiva Brokkoli, Nüsse, statt Stimmungs-Aufhellern Omega-3-Fettsäuren, Zink. Er warnt vor psychischen Gefahren durch Industrie-Food. Mit 100 leckeren Rezepten („Iss deine Psyche gesund", GU, 192 Seiten, 26,99 Euro).

Stimmt eigentlich die Gleichung „Übergewicht gleich Entzündungs-Gefahr"? Und fördern zu viele Pfunde deshalb Depressionen, Ängste?

Dr. Matthias Riedl: Genau. Zu viele Kilos vor allem in der Bauchgegend senden entzündungsfördernde Botenstoffe aus, die zu einer Insulinresistenz führen. Das Gehirn registriert nicht, dass ausreichend Nahrung aufgenommen wurde. Darum essen Übergewichtige oft über ihren Hunger hinaus. Die entzündlichen Prozesse sind jedoch auch schädlich für das Gehirn und machen depressiv. Umgekehrt ernähren sich Menschen mit Depressionen häufig schlecht, was Krankheit und Gewicht weiter negativ triggert. Hinzu kommt, dass Übergewichtige leider starkem sozialen Stress ausgesetzt sind. Sie werden stigmatisiert, gelten als willensschwach. Dabei weiß die Ernährungsmedizin heute sicher, dass die Willenskraft allein nichts gegen zu viele Pfunde ausrichten kann. Aber mit einer gesunden Ernährung lässt sich die Gehirn-Chemie verbessern. Und erhöht die Chance auf Abnehm-Erfolge. Allerdings ist Abnehmen nicht das oberste Ziel. Eine Verbesserung des Gehirnstoffwechsels ist nämlich auch mit Übergewicht möglich.

Eine gesunde Maß-Ernährung geht ja auch durch den Darm, beeinflusst sein Mikrobiom. Wirkt sich auch das auf unsere seelische Balance aus?

Dr. Matthias Riedl: Genau! Die Billionen Darmbakterien im Dickdarm bilden verschiedene Substanzen, mit denen sie entweder direkt über den Vagusnerv – unseren Entspannungsnerv – oder indirekt über Botenstoffe wie kurzkettige Fettsäuren oder Tryptophan mit dem Gehirn kommunizieren. Wir Ärzte nennen diesen Kommunikationsweg Darm-Hirn-Achse. Signale über den Vagusnerv führen etwa zu einer vermehrten Ausschüttung der Glückshormone Serotonin und Dopamin. Diese bilaterale biochemische Kommunikation läuft nonstop, rund um die Uhr. 

Darm-Hormone produzieren übrigens auch Substanzen, die uns glücklicher machen, wenn wir dafür sorgen, dass das Gleichgewicht im Mikrobiom nicht durcheinander kommt. Wir ruinieren dieses spezielle Ökosystem leider mit zu viel hochprozessierten Fertigprodukten, Fast Food, zuckerhaltigem Nahrungsmitteln. Auch das erhöht die Entzündlichkeit. Entzündungs-Botenstoffe, die Zytokine, sorgen dafür, dass weniger Serotonin, also Glückshormone, ausgeschüttet werden. Da schließt sich dann der Kreis. Forscher der Universitätsklinikum Mannheim und des European Molecular Biology Laboratory Heidelberg haben zudem festgestellt, dass Erschöpfung und Depressionen auch davon abhängen, ob im Mikrobiom genügend Bakterien und in großer Vielfalt vorhanden sind, die aus Ballaststoffen kurzkettige Fettsäuren bilden. Sie scheinen, zumindest bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, sogar eine noch größere Rolle für das psychische Befinden zu spielen als Entzündungen.

Was halten Sie von der uralten Volksweisheit "Schokolade macht glücklich"?

Dr. Matthias Riedl: Normale Schokolade macht den kurzen Kick. Wer für wenige Minuten glücklich sein will, bitteschön. Tatsächlich wirken Zucker und Inhaltsstoffe der Kakaobohne wie z.B. Magnesium, Theobromin kurzfristig beruhigend. Auch der Schmelz von Schokolade vermittelt Genuss, macht happy. Aber dieses Gefühls-Hoch hält nicht lange vor. 

Wer langfristig zu viel Schokolade isst, stört die Ausschüttung der körpereigenen Glücksbotenstoffe. Wenn schon Schokolade, dann übrigens bittere. Die liefert weniger Zucker, dafür aber viele Polyphenole. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die übers Mikrobiom die Gehirnchemie langfristig auf Glück einstellen. Besser sind Äpfel. Weil ein Apfel drei, vier Gramm Ballaststoffe als gesundes Mikrobiom-Futter, dazu sekundäre Pflanzenstoffe liefert. Es geht eben nicht nur darum, psychisch gesund zu sein, sondern auch das Gehirn fit und uns im Alter glücklich, bei klarem Verstand zu behalten.